5. Dezember

Gottes Sehnsucht ist der Mensch

Die alten Meister haben bei existenziellen, auch bei theologischen Fragen nach der Menschennatur Christi, nach Schmerz und Leid, aber auch nach Schönheit und Freude zuerst unsere Sinne angesprochen. Das versuche ich auch. Der Blick in die verzweifelten Augen eines leidenden Kindes oder in das gütige Gesicht eines übersehenen Bettlers berühren mich oft tiefer als das Rollenspiel eines Künstlers oder die zuerst als Kunst wahrnehmbare Installation auf einer Biennale.

Michael Triegel

Die Gemälde von Michael Triegel sind in Bezug auf Inhalt und Ausführung von der Atmosphäre der frühen Renaissance geprägt. Er arbeitet im Stil der alten Meister. Technisch virtuos, ist  seine Fähigkeit, Stoffe darzustellen, beispiellos. Seine Werke gleichen Altarbildern, aber gleichzeitig haben sie etwas Entfremdendes und Surreales. Er verherrlicht seine Motive nicht, sondern entzieht ihnen jede Form von Hingabe.

In seinem letzten Abendmahl (1994) zum Beispiel sitzt Christus nicht unter seinen Jüngern, er sitzt allein am Tisch. Sein Gesicht wurde unkenntlich gemacht und die heilige Szene spielt vor einem schwarzen Bühnenhintergrund.

Vergänglichkeit und Schönheit verschmelzen nahtlos in Michael Triegels Werk, nicht nur in seinen großen thematischen Stücken, sondern auch in Stillleben, wie zum Beispiel in Orbis pictus (2016), in dem ein wunderschön arrangierter Blumenstrauß mit einer Statue der Jungfrau, eine antike Schreibmaschine und zwei enthäutete Schafsköpfe zu sehen sind. Triegels Stärke liegt darin, eine vertraute Ikonographie in einem provokanten Spiel aus Wiedererkennen und Verwirrung mit der heutigen Zeit zu verbinden.

Die Gemälde von Michael Triegel (* 1968) katapultieren uns in die Vergangenheit. Sein Werk sieht aus, als wäre es in der frühen europäischen Renaissance entstanden, aber bei näherer Betrachtung ist es wirklich zeitgemäß. Es ist eine Feier der reinen figurativen Malerei mit klassischen religiösen und profanen Motiven. Triegel verleiht ihr jedoch ein völlig neues Aussehen.

Zum Schluss eine Einladung:

Die Ausstellung „Cur Deus – Warum Gott?“ des Leipziger Malers Michael Triegel wird mit einem Gesprächsabend mit Erzbischof Dr. Stefan Heße und dem Künstler am Samstag, 5. Dezember 2020, um 18.00 Uhr eröffnet. Das Gespräch wird vom Leiter der Kunsthalle, Dr. Uwe Neumann, moderiert und live auf den Kanälen des Erzbistums Hamburg (www.erzbistum-hamburg.de) und der Kunsthalle Rostock (www.kunsthallerostock.de) übertragen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

Menü